Landwirtschaftliche Bauwerke und Hofensembles prägen die (Bau-)Landschaft des Thurgaus: Diesem Bild entspricht ebenso das Grundstück an der Kreuzung der Oberaacher Schul- und Aspenstrasse, das von einer grossen Linde markiert wird. Genau dort strahlt seit dem Frühjahr 2022 ein neu errichtetes vermeintliche Scheunengebäude mit seinem noch hellen Holz und zieht die Blicke der Passanten auf sich. Entgegen seiner einstigen Bestimmung verrät das bunte und frohe Familienleben in und rund um den neuen Holzbau jedoch dessen neue Nutzung als Mehrparteienwohnhaus. Somit präsentiert sich der Ersatzneubau von Lukas Imhof formal gleich und dennoch inhaltlich anders und setzt dabei ein Beispiel, wie die baukulturellen Qualitäten des Thurgaus trotz der Verdichtung von Wohnraum beibehalten werden können.
Ein Drittel der Schweizer Äpfel wird im Thurgau gepflückt – dieser Tatsache sowie seiner an Indien erinnernden Form hat der Kanton am Bodensee seinen volkstümlichen Spitznamen „Mostindien“ zu verdanken. Doch in diesem Fall ist nicht der Apfelbaum in der Hauptrolle, sondern vielmehr die Linde als Namenspatron im Fokus: Seit April diesen Jahres bietet der neu etablierte Lindenhof in Oberaach, einem Ortsteil von Amriswil, fünf Parteien neuen Wohnraum, die dem ehemaligen Landwirtschaftsbetrieb neues Leben einhauchen. Denn nachdem die vorherige Scheune vor ein paar Jahren bei einem Feuer bis auf das Fundament abgebrannt war, stand die Frage nach einem Ersatzneubau – wenn auch in neuer Nutzung – nicht zur Debatte. Während aufgrund des denkmalgeschützten Gebäudeensembles der Neubau jedoch analog zur einstigen Erscheinung und Volumetrie des Bestandsbaus geplant werden und dessen landwirtschaftliches Motiv erneut aufnehmen sollte, wurde das Raumprogramm geändert. Anstelle der Agrarnutzung sollte qualitativer Wohnraum für Familien und Wohngemeinschaften in der alten Scheune entstehen, um der notwendigen Wohnraumverdichtung im Kanton gerecht zu werden – wobei die gemeinschaftsorientierte Nutzung sowie die Aussenraumgestaltung definitv aktuelle urbane Wohnformen aufgreifen. Die gestalterische Planung hierfür gab der Holzbauer Krattiger als Totalunternehmer in die Hände von Lukas Imhof, der als gebürtiger Thurgauer neben seinem handwerklichen Können seine baukulturelle Verbundenheit einfliessen lassen konnte.
Geschichte (weiter-)erzählen
Folgt man der Hauptstrasse durch Oberaach passiert man unweigerlich das Grundstück rund um die alte Linde, dessen Hofensemble sich aus einem Wohnhaus aus dem 18. Jahrhundert sowie dem Stall- und Wirtschaftsgebäude in Riegelbauweise, einer weiteren Holzremise und einem Brunnen in klassizistischer Gestaltung zusammensetzt. Da bekanntlich Ausnahmen die Regel bestätigen, fallen hier gleich mehrere Eigenheiten ins Auge und untermauern dadurch die Besonderheit des neu etablierten Lindenhofs: Während der Thurgauer Baukultur entsprechend die Scheune meistens direkt an das Wohnhaus gebaut ist, bilden die Gebäude hier als eigenständige Bauwerke das Lindenhof-Ensemble. Darüber hinaus wurde das abgebrannte Wirtschaftsgebäude 1829 von Georg Schadegg in untypischer Fachwerk-Bauweise, also im Thurgauer Deutsch als Riegelhaus, erbaut. Beim Umbau 1947 wurde der Fachwerkteil abgetragen und das gemauerte Erdgeschoss sowie die beinahe gebäudehohen Tore und Tordurchfahrten behalten. Die Aufstockung erfolgte danach als „normaler“, schon etwas ingenieurmässiger Holzbau – typisch für die 40er-Jahre – und wurde nicht als Fachwerk gestaltet, sondern schlicht und einfach mit Holz verkleidet. Genau jenes letzte Bild dieser aussergewöhnlichen Scheune diente dem Architekten als Inspiratiosnquelle für den Neubau, der dem Vorgänger von der Grösse über die Materialität bis hin zur allgemeinen Architektursprache ähnelt. Selbst die einst landwirtschaftlichen Fahrzeuge, Maschinen, Geräte, Agrarprodukte und Co., die in der Scheune abgestellt und gelagert wurden, gehören dank der vor den Haustüren parkierten Trettraktoren der Kinder wieder zum bekannten Bild der Scheune.
Kleider machen Leute
Apropos Scheune: Von aussen ist und bleibt der Neubau seinem Vorgänger weitgehend treu und greift dessen landwirtschaftliches Motiv durch und durch erneut auf. Denn sowohl seine vertikale Holzlattung aus unbehandelter nordischer Fichte, sein weit auskragendes, von sichtbaren Holzverstrebungen gestütztes Dach als auch seine rot leuchtende Welleternitfassade auf der Wetterseite können als Weiterführung der lokalen ländlichen Bautraditionen aufgefasst werden. Kleine, aber feine Unterschiede spielen hier aber mit den bekannten Bauelementen: So wurde beispielsweise die normalerweise fensterlose Wetterseite im Rahmen des Neuaufbaus und der gleichzeitigen Umnutzung modifiziert. Mit wenigen Fenstern sowie einem Bullauge unter dem Giebel wurde die geschlossene Fassade durchbrochen, um folglich dem dahinter liegenden Treppenhaus Tageslicht zu gewähren. Neben den klassischen Elementen der Scheune wurde auch der besondere Sockel des Vorgängerbaus beibehalten, indem die Fassade im Bereich des Erdgeschosses anders als in den oberen Stockwerken realisiert wurde und die horizontale Gliederung in der Gebäudehülle weiterhin gezeigt wird. So umhüllt eine Holzschalung mit Nut und Kamm den Bau im Niveau des Eingangsbereich, während die Holzfassade darüber als Deckleistenschalung umgesetzt wurde und sich die klare horizontale Differenzierung ausmachen lässt. Das Spiel innerhalb der Fassadenschalung setzt sich dabei bis zu den Holzfenstern fort: Diese passen sich mit ihren Rahmen exakt in die Fassadenlattung ein, greifen die Kreuz- und Schnittpunkte von Nut und Kamm auf und gewährleisten gleichzeitig die Fassadenhinterlüftung direkt in ihrem Rahmen. Einen farblichen Akzent innerhalb der noch hellen Holzfassade bieten die kaminroten Wohnungstüren, die schwarzen Geländer sowie die ebenso schwarzen Falttüren und Rollläden im Erdgeschoss und letztlich die Kupferdachrinnen, die dem langen Baukörper eine zusätzliche vertikale Struktur verleihen.
Klug verteilt
Doch viel mehr als bei der äusseren Gestaltung stellte das Scheunenmotiv bei der Umnutzung im Innenraum ein Problem dar, der auf die überhohen Scheunentore Rücksicht nehmen musste. So hätten sich bei der Planung von normalen Geschosshöhen lediglich zwei nutzbare Geschosse ergeben und ein nicht nutzbares oberstes Stockwerk. Denn dessen Bodenplatte wäre in diesem Fall so zu liegen gekommen, dass der Übergang zwischen Aussenwand und Dach bei ca. 1,50 m über dem Fertigboden gelegen und den Einbau eines Fensters folglich nicht ermöglicht hätte. Auf diese Problematik reagierte der gebürtige Thurgauer mit einer Split-Level-Lösung, wodurch drei Geschosse auf fünf Level verteilt wurden und deren Aufteilung weiterführend entlang der Längsachse des Baukörpers abwechselnd gespiegelt wurde – ein geschicktes Spiel mit Raumhöhen, das zudem Varianz in die Wohnungstypen brachte. Dabei wurden die Wohnungstypen so adaptiert, dass die Eingänge nicht gespiegelt wurden, sondern alle sind vom Hof her zugänglich. Demzufolge fügen sich die fünf Wohneinheiten so nebeneinander, dass sich immer ein „extrovertierter“ Grundriss – mit der überhohen Wohnhalle zum Hof – mit einem „introvertierten“ – mit dem luftigen Wohnraum zum nordseitigen Feld ausgerichtet – in dem Holzbau abwechselt. Lediglich an der Westseite des Ersatzneubaus weicht ein Wohntypus von dieser Systematik ab, reagiert auf die ortsbauliche sowie organisatorische Lage an der Schmalseite des Baukörpers und weist drei normale Geschosse auf. Dort, wo einst die grossen Scheunentore den Zugang gewährten, befinden Sich nun die Eingangstüren der Wohnungen. Die Tore bleiben weiterhin durch die überdurchschnittliche Raumhöhe von rund 4,20 m in den luftigen Wohnhallen in Erinnerung.
Quantität trifft Qualität
Mit weitaus mehr Qualitäten als nur dem knapp zweigeschossigen Wohnraum überzeugt der neue Wohnbau in seinem Inneren – wobei die Grosszügigkeit im gesamten Projekt das Thema ist. So wird die Geräumigkeit der Räume bis unters ebenso weitflächige Dach fortgeführt, bewusst weite Sichtachsen im Innenraum hin zur Landschaft geschaffen und durch bodentiefe Fenster der Übergang zwischen dem Innen- und dem Aussenraum minimiert. Dank Letzterer kann von der Badewanne unter dem Dach aus sogar ein einmaliges Panorama auf die umliegenden Felder und die Apfelbäume der näheren Umgebung genossen werden. Noch mehr wird der Aussenraum mit dem Wohnraum in jenen Wohnungen verknüpft, deren geräumige Wohnbereiche bedingt durch die Spiegelung der Grundrisse sich aktiv zum gemeinsamen Vorplatz ausrichten – wodurch einerseits die Privatsphäre gemindert, aber andererseits das Gemeinschaftsgefühl definitiv gestärkt wird. Mehr Rückzug erlauben hingegen die restlichen Wohnungen, deren Wohnbereiche nordseitig orientiert sind und dafür die Küchen samt Essplatz zum Hof hin öffnen. Den gemeinsamen Nenner in allen Wohnungen stellt das Naturmaterial Holz dar, das sowohl in der baulichen Ausführung als auch der Materialisierung der Innenräume wahrnehmbar ist. Neben dem Eichenholzparkett in den oberen Stockwerken setzen auch die hölzernen Fensterrahmen im Inneren einen Akzent und schaffen gemeinsam mit dem mineralischen Putz der Innenwände ein angenehmes Raumklima sowie haptisches Erlebnis. Farbtechnisch greift das Badezimmer mit dem roten Kautschukboden die Farbigkeit der Gebäudehülle erneut auf, während ein Hellgrün in der Küche einen angenehmen Kontrast setzt.
Gemeinschaft zelebrieren
Die Grosszügigkeit ist auch im Aussenraum ein Thema: Dank des ausladenden Vordachs – das zudem die Holzfenster ermöglichte – sind wettergeschützte Eingänge sowie geschützte Aussenräume zum Hof hin für alle fünf Wohnungen garantiert. Um jedoch die enorme Beschattung durch die überragende Dachfläche im positiven Sinne zu mindern, wurden einige Glasziegel eingesetzt, welche nun zusätzliches Licht dezent einfallen und einmalige Licht-und-Schatten-Spiele entstehen lassen sowie Lichtakzente ermöglichen. Weitergeführt wird der überdachte Eingangsbereich vom gemeinsam genutzten Hof, der den gesellschaftlichen Treffpunkt der fünf Parteien präsentiert. Durch die Ausrichtung der Aussenräume aller Wohnungen sowie deren Eingänge vom gemeinsamen Hof her und den Verzicht auf jeglichen Sichtschutz zwischen den Zugängen der einzelnen Parteien soll das gemeinschaftliche Leben auf dem Lindenhof gefördert und unterstrichen werden. Aus diesem sowie aus kostentechnischen Gründen wurde auch auf direkte sowie separierte Zugänge von der Tiefgarage in die jeweiligen Wohnungen verzichtet. Einen Gegenpol zum Hof präsentiert die gegenüberliegende Terrasse entlang der Nordseite der Scheune, die eine der Strasse abgewandte Wohnfläche im Freien eröffnet und einen freien Blick aufs Feld erlaubt und die Natur scheinbar in die Wohnungen holt.
Im Wandel
So hat sich nicht nur die ehemalige Scheune einer Transformation unterzogen – auch der Kanton Thurgau erfährt im Allgemeinen gerade einen Wandel. Historisch sehr landwirtschaftlich geprägt, transformiert sich das Gebiet im Dreieck der Städte Zürich, St. Gallen und Konstanz zunehmend zu einem Agglomerationsraum mit steigender Verdichtung des Wohnraums. Allein in den vergangenen 50 Jahren ist die Bevölkerung um ein Drittel – auf heute insgesamt rund eine Viertelmillion Einwohnerinnen und Einwohner – angewachsen, und ein Ende dieser Entwicklung ist noch nicht in Sicht. Um die zunehmende Besiedelung jedoch nicht in einer Zersiedelung resultieren zu lassen, gilt es unbedingt, die landschaftlichen und baukulturellen Qualitäten des Thurgaus zu wahren und dessen Gemeinschaft zu fördern. Diesen Prozess hat der Architekt Lukas Imhof in seine Arbeit aufgenommen und seinen Ersatzneubau zum beispielhaften Katalysator dieser dynamischen Architekturbewegung werden lassen. Denn Wohnen auf dem Land bedeutet längst nicht mehr, allein in einem Häuschen zu leben und damit viel Boden zu verbrauchen. Demnach kann der Lindenhof als Modell für das neue, verdichtete Wohnen auf dem Land verstanden werden, wo künftig Gemeinschaft zelebriert, Baukultur weitergetragen und gleichzeitig auf Komfort und Lebensqualität fokussiert wird – also ganz in Richtung Sonnenseite des Lebens.
© Hannes Heinzer
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