Als Teil der Überbauung Im Giessen markiert der Giessenturm die Schnittstelle zwischen der suburbanen Gewerbezone und der kleinteiligen Zentrumstruktur Dübendorfs, die sich in Richtung des Bahnhofs erstreckt. Doch auch verschiedene Generationen und somit Interessen treffen hier aufeinander: So vereint der Neubau den Wunsch der Bauherrschaft, eine moderne und qualitative Architektur umzusetzen, mit den Anforderungen des Hauptmieters, den Ansprüchen der älteren Bewohner gerecht zu werden. Als Resultat bietet das höchste Gebäude der Gemeinde – gleich gegenüber dem Empa-Campus – nun neuen Wohnraum an bester Lage sowie einmaligen Ausblick. Als Teil eines Masterplans soll dieser letztendlich den Raum an der Glatt aufwerten.
Bereits 2014 wurde mit der Ausarbeitung eines Areal-Masterplans der Zürcher Architekten Atelier WW der Grundstein für den Giessenturm sowie den angebundenen Riegelbau gelegt. Während sich die Form und die genaue Positionierung des Hochhauses im laufenden Prozess herauskristallisierten, waren die gewünschten Ansprüche und Anforderungen der Credit Real Estate Fund Siat (eines Immobilienfonds von Credit Suisse Asset Management) als Bauherrschaft sowie Arealeigentümer und des Tertianums als Hauptmieter an den Neubau bereits von Beginn an festgelegt. Letzteres Unternehmen widmet sich seit bereits fast 40 Jahren dem Thema Leben, Wohnen sowie Pflege im höheren Alter und bietet schweizweit an über 80 Standorten individuelle Serviceleistungen in modernen Residenzen und Wohn- und Pflegezentren für Seniorinnen und Senioren an. Neuerdings gehören 80 der 130 Wohnungen des 25-stöckigen Gebäudes zum Repertoire des Tertianums. Zugleich dienen die ersten drei Geschosse des Hochhauses als neuer Firmenhauptsitz. Zusätzliche Diversität in der Nachverdichtung und im Programm sowie abseits des Generationenmixes erfährt das Projekt durch die eingemietete Physiotherapie im Erdgeschoss und weitere Gewerbenutzungen im anknüpfenden Riegelbau.
Gestapelt
Die unterschiedlichen Nutzungen wurden dabei nicht ineinander verschachtelt, sondern geschossweise voneinander getrennt und übereinandergelegt. So wurde der Turm vermeintlich in die Höhe gezogen – und fungiert am Scheitelpunkt der Überlandstrasse als visueller Fixpunkt. Die dabei entstandene ikonografisch und prägnant ausformulierte städtebauliche Figur setzt sich aus einem viergeschossigen Sockelbereich und einem abschliessenden Hochhausteil zusammen. Zuunterst bildet eine eingeschossige Unterkellerung des gesamten Areals das Fundament und nimmt zugleich eine Tiefgarage sowie Kellerabteile für die Wohneinheiten auf. Bedingt durch den hohen Grundwasserspiegel der nebenliegenden Glatt, stellte sich bereits das eine Untergeschoss als wahre Herausforderung dar und ermöglichte demnach keine weiteren tiefergreifenden Baumassnahmen. Darüber – im Niveau des öffentlichen Verkehrs – befindet sich die eingemietete Physiotherapie mit rund 200 m2, daneben wurden der Postraum für die 150 Parteien des Wohnturms sowie der Zugang zur vertikalen Haupterschliessung geplant. Zwei der drei Liftanlagen bedienen hier alle 25 Stockwerke, während einer lediglich bis in das dritte Stockwerk fährt. Dieser wird somit lediglich von den Mitarbeitern der Tertianum-Hauptzentrale genutzt, deren Büroräume sich über die ersten drei Etagen des Giessenturms erstrecken. Ab dem vierten Stock nehmen die Alterswohnungen des Tertianums die folgenden zwölf Stockwerke ein, bevor Mietwohnungen für jedermann in den letzten zehn Geschossen untergebracht sind.
Gut gestützt
Möglich machen diese Stapelung zwölf vorfabrizierte Betonstützen, die sich jeweils durch das gesamte Gebäude ziehen und somit das tragende Gerüst des Hochhauses darstellen. So einfahc das statische System auch klingen mag, umso trickreicher erwies sich dieses jedoch bezüglich der Auskragungen, wofür die Stützen von der Fassade abgerückt werden mussten, und somit als raumbildenes Element in den Inneräumen sichtbar sind. Ausgesteift wird das Tragwerksystem durch Betonverbunddecken, und auf jegliche Vorspannung konnte im gesamten System verzichtet werden. Im Unterschied zur Massivbauweise des Turmskeletts wurde der komplette Innenausbau der überdurchschnittlich hohen Etagen in einer Leichtbauweise realisiert, sodass hohe zukünftige Flexibilität in der Raumnutzung gewährleistet wird. Umhüllt und somit voneinander getrennt wurden die einzelnen Stockwerke jeweils mit einer 90 cm-Brandschürze, um den hohen Ansprüchen an den Brandschutz gerecht zu werden.
Zweckgebundene Form
Die statische Herausforderung des Projekts – bedingt durch die auskragenden Ecken – wurde letztlich zum Logo des Giessenturms, das sich auch in der Beschriftung der Geschosse wiederfindet. Zwei ineinandergreifende Quadrate nehmen das Thema des Richtungswechsels auf und lassen die charakteristischen Auskragungen sowie prägnanten Ecksituationen entstehen. Diese bilden Ankerpukte im Strassenraum aus sowie generieren multiple und spannende Blickpotenziale im Inneren. Doch zusätzlich zu spannenden Blickbeziehungen und Belichtungsverhältnissen konnten die Zürcher Architekten mit dieser Grundrissform die Anforderungen an Lüftung und Lärmschutz erfüllen. Denn aufgrund der direkten Lage an der Überlandstrasse waren hinsichtlich Schall- und Lärmschutz individuelle und insbesondere wirksame Lösungen gefragt. So erlaubt der ineinander verdrehte Grundriss des Turms durch seine Vorsprünge eine „Lüftung ums Eck“, wodurch sich die verkehrsbedingte Lärmbelästigung bei geöffnetem Fenster deutlich verringern lässt. Zusätzlich garantieren hochwertige Schallschutzfenster – selbst bei einem starken Verkehrsaufkommen – eine ruhige Wohnatmosphäre im Inneren, sodass das rege Treiben unmittelbar vor der Haustür zwar nicht aus den Augen, aber definitiv aus dem Sinn gerät. Unterstützend zur natürlichen Belüftung reguliert eine kontrollierte Gebäudelüftung das Innenraumklima sowie die -temperatur, die vor allem im Sommer von grösserer Bedeutung ist.
Nicht altbacken
Doch nicht nur das angenehme Raumklima zeichnet die 80 Alterswohnungen aus: Alle rollstuhlgerechten Wohnungen sind von einem geräumigen und hochwertigen Grundriss geprägt. Ferner zeichnen sich alle Appartements durch ihre Helligkeit aus, die sie den raumhohen Fenstern in dezenten Farbtönen und dem hohen Tageslichtanteil verdanken. Der hohe Standard wird in dem modernen und überaus grosszügigen Badezimmer fortgeführt. Falls auf den privaten Waschturm verzichtet wird, stehen den Mietern in jedem Stockwerk jeweils ein Wasch- und Trockenraum zur gemeinsamen Benützung zur Verfügung. Als Serviceleistung des Tertianums wurden zudem in all ihren 80 Einheiten Notfallschalter installiert, wodurch 24/7 und 365 Tage im Jahr schneller Einsatz im Notfall durch die hausinterne Spitex-Abteilung garantiert wird. Während sich die Alterswohnungen somit in ihrem Ausbaustandard nicht unterscheiden, sind sie aufgrund des verdrehten Grundrisses dennoch vielfältig in ihrer Raumaufteilung: Je nach Ausrichtung variiert zum einen der Ausblick und zum anderen die Ausführung der Loggia, mit welcher eine jede Wohnung einen privaten, windgeschützten Aussenraum erhält. Darüber hinaus können die Bewohner zwischen 1,5- und 3,5-Zimmer-Wohnungen wählen und diese individuell einrichten, um ein grösstmögliches Wohlbefinden zu ermöglichen und den Charakter des betreuten Wohnens in den Hintergrund treten zu lassen.
Hohe Standards
Weitere 50 geräumige 2,5- bis 4,5-Zimmer-Mietwohnungen sind ab der 16. Etage im Giessenturm angeordnet, deren einmalige Aus- und Weitsicht auch hier durch die raumhohen Verglasungen besonders zur Geltung kommt. Während sich zur einen Seite ein ungehinderter Blick auf den Greifensee und die dahinter liegenden Alpen eröffnet, erstreckt sich gegenüberliegend das Glattal sowie das Zürcher Unterland. Neben dem Panorama lässt sich hier ebenso der hochwertige Standardausbau der Wohnungen sehen: Der versiegelte Eichenparkettboden sowie die grossflächigen, dreifach isolierten Fensterfronten lassen in den Räumlichkeiten eine Wohlfühlatmosphäre entstehen. Die Badezimmer sowie die schwarz gehaltene Küche präsentieren sich in modernem Design und erfüllen bezüglich Armaturen und Ausstattung die aktuellsten Ansprüche. Zudem ist jede Wohnung standardmässig mit einem Waschturm samt Waschmaschine und Tumbler versehen.
Nachbar nebenan
Angeschlossen an das Wohnhochhaus und parallel zur Überlandstrasse platziert, führt ein viergeschossiger, langgestreckter Sockelbau den quadratischen Turm fort. Auf den vier sich farblich differenzierenden Etagen beherbergt der Sockelbau eine Alterspflegeabteilung mit 60 Einzelappartements sowie notwendigen Aufenthalts- und Personalräumen oder auch Schulungsräumen. Im Erdgeschoss des Sockelvolumens ist ein öffentlich zugängliches Restaurant untergebracht, das sowohl die Tertianum-Gäste und -Mitarbeiter als auch die Bewohner des Quartiers mit frischer Küche versorgt. Des Weiteren sind auf dieser Etage ein Coiffeur angesiedelt sowie weitere Mehrzweckräume, die das Tertianum Start-ups rund um den Bereich Alterspflege künftig als Präsentationsfläche und Co-Working-Space zur Verfügung stellt.
Eingerahmt
Turm und Sockelbau finden in ihrer markanten Fassade einen gemeinsamen Nenner: Das richtungslose, homogene „Fassadennetz“ umhüllt nicht nur das Leben im Innern, sondern rahmt dieses vielmehr ein und lässt dabei die beiden Volumen zu einer skulpturalen Einheit werden. Verstärkt wird dieser Effekt obendrein von in Aluminiumrahmen eingefassten Fenstern, die sich in ihrer Breite sowie der Öffnungsart unterscheiden. So verflechten sich die beiden Hauptkomponenten der Fassade – das Netz und die Füllung – zu einer verspielten, aber dennoch elegant-zeitlosen Hülle. Dabei übernehmen die Füllelemente die Funktion von Fenster, Absturzsicherung und geschlossenem Paneel und interagieren gleichzeitig mit dem Netz, das in Form von Farbigkeit, Oberfläche und räumlicher Abstufung zum Ausdruck kommt. Die insgesamt 1254 Fassadenelemente setzen sich lediglich aus drei Grundtypen zusammen, die durch Eck- und Loggia-Elemente ergänzt wurden. All diese Rahmenkassetten – inklusive Gläsern, Raffstoren, Brüstungen und Blenden – wurden vorab im Werk zu montagefertigen Modulen zusammengefügt und konnten schlussendlich millimetergenau in die Tragstruktur eingehängt werden. Materialformungen und -ausdehnungen nehmen dabei Gummistösse auf, die jeweils in den Fugen zwischen den Rahmen eingefügt sind. Vor Ort spannen sich nun alle Fassadenelemente jeweils geschosshoch über 3 m und gliedern sich in Elemente mit unterschiedlicher Transparenz und Farbigkeit. Die bronzene Farbe der Fensterrahmen bezieht sich dabei auf die typischen Backsteinfassaden und die Rostoberflächenstrukturen industrieller Bauten, wie sie früher in der Nachbarschaft zu finden waren – und bei den Empa-Gebäuden aus den 1960er-Jahren auf dem gegenüberliegenden Areal noch immer zu sehen sind.
Im Blick
So vereint der neu errichtete Komplex vieles – urbanes Lebensgefühl und vertikale Nachverdichtung mit bestehender Architektursprache sowie dem kulturhistorischen Hintergrund des Areals. Zugleich offeriert der Turm seinen Bewohnern vielfältige Ausblicke und eine Weitsicht, frei nach Hans Kasper, dass das Alter ein Aussichtsturm ist. Die Analogie erscheint in diesem Kontext mehr als passend. Denn aus der Höhe und Entfernung kann man weit sehen und auch ein etwas anderes Panorama betrachten – zurück auf die schweren und schönen Zeiten des Lebens. Aber vor allem auch nach vorn – auf das, was noch kommt und bleibt.
© Lucas Peters Architektur Fotografie