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Im Gespräch mit 1899 Architekten

„Die Werkzeuge und Möglichkeiten für den Wandel wären da!“ (1899 Architekten) – In unserem Format Vis-à-Vis sprechen Schweizer Architektinnen und Architekten über die verschiedenen Gesichtspunkte ihres Berufs und beantworten Fragen zu ihrer Idee von Schönheit und der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen.

Welche Aufgaben beschäftigen Sie gerade?
Wir können glücklicherweise Aufgaben mit unterschiedlichen Nutzungen und Projektgrössen bearbeiten, zum Beispiel zurzeit Farbkonzepte neuer Küchen oder zwei Werkstätten für Busse und Züge. Zuletzt haben wir mehrere Studien und Projekte erarbeitet, bei denen es um Fragen zu Erhalt, Ergänzung oder Ersatz von Wohnhäusern geht; in einem Fall um die Umnutzung einer grossen Industriehalle. Vor zwei Wochen reichten wir einen Vorschlag bei einem kleinen, offenen Projektwettbewerb für  ein Kirchgemeindehaus ein.

Welches architektonische Werk hat Sie kürzlich begeistert?
Ich (Bruno Stettler) habe mir vor ein paar Wochen eine kurze Auszeit in der Stille von Flüeli-Ranft genommen. Übernachtet habe ich im Jugendstilhotel Paxmontana, das Pfister Schiess Tropeano Architekten umfassend und sorgfältig renoviert haben. Die Atmosphäre der Räume ist herrlich. Ebenfalls begeisterten mich die Ställe und Scheunen in der Obwaldner Kulturlandschaft und die Einfachheit und Authentizität der verstreut liegenden Kapellen. Mir (Daniel C. Suter) fällt Alma Makis Hinterhofatelier ein, das Friederike Kluge im Architekturforum Thun vorstellte. Statt den flickwerkhaften Bestand einfach zu ersetzen, ist mit Leidenschaft für Planung und Handwerk ein schöner Dialog zwischen Alt und Neu entstanden. Das Projekt ist fein gestaltet und auch mit bescheidenen Materialien sehr poetisch. Architektur als Inwertsetzung von Raum und – scheinbar abgeschriebener – Substanz.

Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache?
Unsere Baukultur hat sich lange mit natürlichen, lokal vorhandenen Materialien entwickelt, die uns prägen und erden. Auch neuere Materialien werden irgendwann Teil der Baukultur – und der Geschichte. Einige helfen sogar tatsächlich, Fragen der Zeit zu lösen – auch zukünftig. Manchmal aber erwachsen scheinbare Bedürfnisse erst aus dem Vorhandensein von Materialien und Produkten, die sie befriedigen – auch in der Architektur. Das müssen wir überwinden. Auch das Neuartige muss auf seinen Mehrwert hin überprüft werden. Wir sehen viel Potenzial in neuen Anwendungsformen bekannter oder gar vergessener, traditioneller Materialien: Stroh, Lehm, Schilf etc. Und in Methoden und Prozessen, zum Beispiel Kreislaufkonzepte und sortenreines Bauen.Der beliebige, oft lieblose Mix von halt verfügbaren Materialien schadet der Architektursprache und unseren Lebensräumen. Eine Einbindung in den baukulturellen Kontext und in einen Ort braucht sorgfältige Materialkonzepte – ob mit traditionellen oder neuartigen Materialien.

Haben Sie eine Idee von Schönheit?
Ja. Aber keine absolute. Bestenfalls sind wir Schönheit auf der Spur. Spannende Ansätze, wie Schönheit in menschlichem Schaffen entsteht, hat der Geigenbauer Martin Schleske in seinem Buch „Der Klang“ beschrieben: wie er mit der Eigenheit eines jeden Holzstücks arbeitet, dabei sein ihm eigenes, aber doch objektives Wissen einfliessen lässt, aber auch eine persönliche, intuitive Note. Was im Geigenbau das Holzstück ist, verstehen wir in unserer Arbeit als den vorhandenen Ort mit Bauten, der Landschaft, der individuellen Ausgangslage der Bauherrschaft und kulturellen Bedingungen. Ein weiterer Aspekt von Schönheit besteht im Ausbalancieren von unterschiedlichen Polen, zwischen Regelhaftigkeit und Abwechslung, Strenge und Poesie, Klarheit und Verspieltheit.

Wann wird ein Gebäude zu Architektur?
Grundsätzlich unterscheiden wir nicht zwischen Architektur- und Nichtarchitekturgebäuden. Sobald eine Wand erbaut wird, trennen sich zwei Räume, entsteht eine Grenze oder eine Verbindung mit vielfältigen Einflüssen auf das Leben und unser Wohlbefinden. Sobald also die Art und Weise der architektonischen Gestaltung dem ursprünglichen – und einem möglichst sinnvollen – Ziel des Projekts dient, es den Menschen, die es nutzen, erlaubt, sich mit positivem Gefühl darin zu entfalten, es dem kulturellen und zeitlichen Kontext entspricht, dann ist das Gebäude wahrscheinlich gute Architektur.

Welche Tugenden sollte ein Architekt erfüllen?
Freude daran haben, genau hinzusehen. Eine Neugierde, die hilft, Neues wie Altes zu entdecken. Gut zuhören können und verstehen wollen, wie ein Ort entstanden ist, was ihn ausmacht, wie ein bestehendes Gebäude funktioniert und was man daran erhalten und schützen und was man ergänzen oder ersetzen soll. Eine gesunde Wertschätzung für das kulturelle und bauliche Erbe ist wichtig. Und eine freie und flexible Denkweise, um differenziert und möglichst unvoreingenommen an jede Aufgabe heranzugehen.

Welche Rolle spielt der Architekt in der Gesellschaft?
Architektinnen und Architekten gestalten massgeblich den gebauten Lebensraum, unseres Erachtens eine grosse Verantwortung. Zu oft wird das – von den Architekturschaffenden selbst, aber auch in der Aussensicht – zu wenig wahrgenommen. Was wir bauen und wie wir es bauen, muss sich an seiner Zukunftsfähigkeit messen lassen. Und Architektur prägt das gesellschaftliche Zusammenleben mit. Was etwas abstrakt klingen mag, heisst zum Beispiel konkret: In Frutigen haben wir 2021 für eine Familie ein altes Wohnhaus umgebaut. Aus der vormals grossen Wohnung entstanden eine Familien- und eine zusätzliche Kleinwohnung. Darin lebt nun eine geflüchtete Ukrainerin mit ihrem Kind. Die Familienwohnung ist zwar kleiner geworden, dennoch empfindet die Bauherrschaft ihre neuen Räume nun als grosszügiger, weil sie besser nutzbar sind. Die Gestaltung spielt für dieses Raumgefühl eine wichtige Rolle. In Projekten jeden Massstabs können Architekten und Architektinnen gesellschaftsrelevante Beiträge leisten.

Welche Rolle sollte heute die Politik gegenüber der Architektur spielen?
Wir wähnen uns an einer Gezeitenwende. Anstelle des permanenten Optimierens plädiert der Soziologe Harald Welzer für eine Kultur des Aufhörens, das hat uns angesprochen. Uns scheint, dass noch weite Teile der Politik den nötigen Wandel fürchten, lieber bestehende Strategien optimieren und dabei Grundsatzprobleme aufschieben, bis Technik und Digitalisierung dann schon alles lösen. Die Methode dabei ist noch mehr Quantifizieren und Messen, immer detailliertere Energienachweise und überbordendes Normenwesen. Aber wenn heute netto-null-fähige Projekte wegen zu wenig „anrechenbarer“ erneuerbarer Energie nicht bewilligungsfähig sind, gilts, politisch aufzuholen. Die Werkzeuge und Möglichkeiten für den Wandel wären da! Und weiterhin herrscht leider das Bauen nach Zahlen, selbst in laufenden Revisionen von Baureglementen. Aber es gibt auch Aufbruchstimmung. Die Politik traut der Architektur wieder mehr zu, bei Fragen der Zeit etwas beizutragen. Dieser neue Fokus weg vom Zahlendenken hin zu Qualität zeigt sich zum Beispiel im neuen öffentlichen Beschaffungsrecht. Zur Kulturtechnik des Aufhörens gehörte dann auch, über die Rolle von Investoren zu debattieren, deren Motiv fürs Bauen die maximierte Geldvermehrung ist – ein in sich zuspitzenden ökologischen und sozialen Herausforderungen völlig veraltetes Modell. Dem nur Normen und Regeln entgegenzusetzen, ist offenkundig gescheitert.

Kann Architektur die Welt verbessern?
Da Architektur die Welt immer verändert, kann sie sie auch verbessern – wenn sie wohlüberlegt, angemessen und schön ist.

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