Mittendrin in Sissach steht das Miteinander im Mittelpunkt: Aufgespannt wird der historische Ortskern von der Gemeindekirche, dem alten sowie neuen Schulhaus sowie nun auch von dem neugebauten Doppelkindergarten von Kast Kaeppeli Architekten und eröffnet somit eine Begegnungszone für Gross und Klein. Dabei orientiert sich der Neubau zwar in seiner Formensprache an den bestehenden Wohnbauten ringsum und passt sich in die städtebauliche Struktur ein, stellt in seiner hölzernen Bauweise dennoch einen bewussten Kontrast zu den gegenüberliegenden Gemeindehäusern dar.
Die Jüngsten Sissachs lädt seit letztem Jahr der neue Doppelkindergarten inmitten des Ortskerns zum gemeinsamen Spielen, Toben und Lernen ein. Ein zusätzlicher Gemeinschaftsort, der im Rahmen eines Gesamtleistungswettbewerbs der Notwendigkeit nach einem neuen und dringend benötigten Platz für die kleinsten unter den Einwohnern der Gemeinde nachkommen sollte. Sechs Architekturbüros, ausgewählt nach ihren Präqualifikationen, wurden hierfür von der Gemeinde in der Nähe von Basel eingeladen und konnten ihre Entwürfe für den Ersatzneubau im Ortskern der Jury vorbringen. Schlussendlich überzeugte das Projekt „Janosch“ von Kast Kaeppeli Architekten, das sowohl formal als auch städtebaulich den umliegenden Bestand aufnimmt und mit einem einheitlichen Materialisierungskonzept eine warme Atmosphäre schafft. So eröffnet sich nun zwischen dem gegenüberliegenden Schulareal, der nebenliegenden Kirche und dem neuen Kindergarten ein belebter öffentlicher Raum im Ortszentrum.
Neu wie alt
Zuvor bildete ein einfacher Holzschuppen den Abschluss der Gebäudezeile in der Sissacher Schulstrasse aus. Der neue Doppelkindergarten ersetzt diesen und führt als dessen Nachfolger die Reihe der bestehenden Gebäude gleichermassen wieder fort. Denn der zweigeschossige Neubau wurde direkt an das denkmalgeschützte Nachbargebäude angebaut sowie erneut in einer Holzbauweise ausgeführt – und greift somit gleich doppelt den ehemaligen Holzbau auf. Gleichzeitig wurde die neue Gebäudeflucht gemäss der vorgegebenen Gestaltungsbaulinie leicht zurückversetzt, sodass entlang der Strasse die für den Ortskern charakteristische Staffelung der Gebäudenfronten beibehalten wurde. Demnach verwundert es kaum, dass die umgebende Bebauungsstruktur auch massgeblich im Grundriss des neuintegrierten Volumens ablesbar ist: Die Form des Nachbargrundstücks, die gesetzlichen Bauvorgaben zur Schulstrasse hin sowie der angrenzende Pausenplatz auf der Nordost- und Westseite stellten dabei die formgebenden Rahmenbedingungen dar. Darüberhinaus orientiert sich der Kindergarten auch in seiner weiteren Architektursprache an den angrenzenden Altbauten: Analog zu diesen erhält das neue Gebäude ein Satteldach, das den ortsüblichen Knick im Ziegeldach aufweist – hier in Richtung des Gartens ausgestaltet. Das Dach, vielmehr der Anschluss an das bestehende Ziegeldach, stellte gleichzeitig die grösste Herausforderung dar, um die entsprechende Entwässerung der Dachflächen weiterhin gewährleisten zu können.
Fein gekleidet
Der Ersatzneubau wurde als Holzständerkonstruktion mit Holzverbunddecken von Beer Holzbau vorfabriziert realisiert. Gegenüber dem Massivbau hat der Holzbau den Vorteil, Tragstruktur und Dämmung in der gleichen Ebene zu ermöglichen und somit Wandstärke gegenüber der massiven Bauweise einzusparen – und gleichzeitig die Minergie-Kriterien zu erfüllen. Eingehüllt ist der Baukörper mit einer edlen Stülpschalung aus grau-grünen Tannen- und Fichtenbrettern, versehen mit einer zusätzlich aufgesetzten Leiste. Eine horizontal sowie vertikal verlaufende Struktur aus Kanthölzern bildet die Unterkonstruktion der Fassade aus, die mit einer dunklen Verwitterungslasur vorbehandelt wurde. Somit gestaltet sich diese in ihrer Wartung weniger intensiv und erhält dadurch gleichzeitig eine ganz individuelle Farbgebung. Genau diese farbliche Wirkung der Aussenhülle gemeinsam mit dem Spiel mit unterschiedlichen Holzlasuren ist charakteristisch für das gesamte Projekt und schafft letztendlich das optisch einheitliche Gesamtbild.
Eingerahmt
Gleichermassen wie die Holzverkleidung folgt auch die Fensteraufteilung demselben Raster und gewährleistet somit ökonomische Scheibengrössen, die sowohl zu öffnende Fensterflügel als auch Festverglasung vorsieht. Die Lüftungsflügel der Nachauskühlung wurden dabei geschickt in perforierte Abschnitte der Aussenhülle integriert, sodass zusätzliche Absturzsicherungen und überdies ein Einbruchsschutz ausgespart werden konnten. Für die weiteren Verglasungen gestalteten die Architekten in Zusammenarbeit mit dem Holzbauer eine dekorative, hölzerne Brüstung, die an den zu öffnenden Fensterelementen die notwendigen Geländer ausbilden. Im Zickzack-Muster zieren diese zusätzlich angebrachten Holzleisten – farblich an die Fassade angepasst – die Glasfronten, wirken gleichzeitig als dekorative Elemente und tragen das Spielerische im Raumprogramm nach Aussen.
Bitte eintreten
Nach Innen gelangt man über den nordseitig angelegten Hauptzugang: Vom Schulvorplatz führt dieser zu den separaten Erschliessungen der beiden Kindergartengruppen, die die räumliche Trennung beider Einheiten unterstreichen. Der obere Gruppenbereich ist dabei über die gartenseitige Laube erreichbar, die die offene, aussenliegende Betontreppe vor Wind und Wetter schützt und einen überdachten Aussenraum eröffnet. Zusätzlich verknüpft ein Lift die Garderoben auf beiden Etagen und garantiert einen barrierefreien Zugang zur ersten Etage. Die zweigeschossige Fassadenfront wird hier von einem nicht verglasten Bullaugen durchbrochen, schafft einen Kontrast zu der rechteckigen Form des Baukörpers und ermöglicht gleichzeitig Blickbeziehungen von der Galerie in den Gartenbereich. Durch die offene Bretterfassade der Laubenfassade, deren alternierende Bretterabstände zum Bullauge hin grösser werden, entstehen in dieser halboffenen Übergangszone dezente Lichtspiele und eine verspielte Raumwirkung.
Doppelt hält besser
Der neue Kindergarten bespielt zwei beinahe identische Stockwerke, wobei die beiden voneinander unabhängigen Gruppen für bis zu 25 Kinder jeweils eine Etage für sich einnehmen. Die Haupträume im Erd- sowie ersten Obergeschoss orientieren sich am Verlauf der Sonne, wodurch die unterschiedlichen Tageszeiten für die Kinder erlebbar gemacht werden. Der Materialraum ist jeweils mittig verortet, während sich die weiteren Räume im Rundlauf um diesen anordnen. Den mit Abstand grössten Bereich nimmt der Unterrichtsraum ein, der samt Küchenzeile zum Singen, Spielen, Lernen sowie auch zu gemeinsamen Küchenexperimenten einlädt. Zusätzlich zu diesem offenen Hauptraum kann ein separater Gruppenraum auf Wunsch dazugeschlossen werden. Da dieser zudem direkt von der Garderobe zugänglich ist, kann er bei Bedarf unabhängig vom Lehrraum genutzt werden. In der Übergangszone der beiden Lehrräume sind die Sanitärräume untergebracht, die somit den Kreislauf des Raumprogramms abschliessen.
Innen wie aussen
Bei der Gestaltung der Innenräume bleiben die Architekten demselben Gestaltungswillen wie bei der äusseren Erscheinung treu: Innenseitig sind die Wände mit rohen, hellen Dreischichtplatten verkleidet, die insbesondere im Garderobenraum von den Kindern kurzer Hand zu Pinnwänden umfunktioniert wurden. Das Material Holz ist dabei sowohl in der Verkleidung als auch in dem Mobiliar der dominante Werkstoff, sodass auch hier das Charakteristikum der dezenten und stimmigen Farbwelt aufrechterhalten bleibt. Angepasst an die jungen Protagonisten des Neubaus setzen die Architekten im Innenausbau auf einen spielerisch wirkenden Umgang mit Nischen, der sich vor allem in der Umkleide zeigt und dort Sitzmöglichkeiten ausbildet. Formal spiegelt sich dieser Gestaltungswunsch mit variierenden Tiefen zudem in der Akustik-Deckenverkleidung wider, die zwischen den sichtbaren Sparren montiert wurde und demnach auch dort Nischen ausbildet. Selbst bei den Böden wurde auf Holz gesetzt: In den Haupt- und Gruppenräumen sind diese als Massivholzparkett in Eiche ausgeführt, wodurch der Innenraum eine überaus hochwertige und edle Atmosphäre erfährt. Im Eingangsbereich sowie in den Garderoben ist hingegen ein geschliffener Zement-Unterlagsboden aus Jura-Kalk eingebracht, der die Optik der Aussenflächen aufnimmt und einen Bezug zu diesem herstellt.
Genug Platz
Der dazugehörige Aussenraum zum Kindergarten ist auf der Westseite der Bauparzelle angelegt und bildet die gemeinsame Schnittstelle der beiden Gruppen: Mit einer begrünten sowie einer bekiesten Fläche mit Sitzkreis und Wasserpumpe ermöglicht der Garten den Kindern genügend Raum zum Spielen und Toben. Im Sommer bieten hier die bestehenden Bäume, die Dank der leicht abgedrehten Platzierung des Baukörpers auf dem Grundstück geschützt werden konnten, als natürliche Schattenspender Schutz vor Sonne. Auf der Südseite des Ersatzneubaus findet zudem die Garage des Hauswarts und gleichzeitigen Nachbarn des Doppelkindergartens Platz. Das Garagentor wurde als Teil der Fassadenverkleidung ausgebildet und in diesem Sinne versteckt in den Neubau integriert. Genau darüber findet im ersten Obergeschoss der Technikraum der Lüftungsanlage Platz. Bewusst sind beide in dem wenig belichteten Bereich, an der Brandwand zum Nachbargebäude, platziert und platzsparend integriert.
Fest verwurzelt
Mit viel Feingefühl und einem geschickten Spiel mit verschiedenen Hölzern realisierten Kast Kaeppeli Architekten den neuen Doppelkindergarten in Sissach, der gleichermassen in der Gestaltung seines Innen- sowie auch seines Aussenraums überzeugt. Dabei bezieht sich der Neubau auf die Architektursprache des Bestands und komplementiert auf selbstverständliche Art und Weise das historische Gebäudeensemble im Ortszentrum. Vom Alten oder auch von den Alten zu lernen, lässt sich hier wohl in das Konzept des Kindergartens übertragen, der mit den Nachbarbauten eine buntgemischte aber dennoch harmonische Begegnungszone eröffnet. So hat Sissach wohl in zweierlei Hinsicht gut in die Zukunft investiert – mit der nachhaltigen Materialisierung in die Ökologie und vor allem in einen qualitativen Raum für die nächsten Generationen.