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Der Alltag auf Rädern

Matyas Sagi-Kiss (Wirtschaftsjurist FH, Vorstand von Pro Infirmis Schweiz) wohnt im Zollhaus der Genossenschaft Kalkbreite in Zürich, lebt seit Geburt mit Cerebral Parese und fährt eine Elektro Rollstuhl. In dieser 6-teilige Kolumne lädt er zu einem Perspektivenwechsel ein.

Wir Menschen mit Behinderungen haben oft ein zwiespältiges Verhältnis zum Reisen. Nicht, weil wir es nicht genauso geniessen würden wie Reisende ohne Behinderung, sondern weil es mit viel organisatorischem Aufwand verbunden ist. Ich persönlich kenne Zürich, die Stadt, in der ich seit meinem 12. Lebensjahr lebe, wie meine Westentasche und habe gewissermassen eine alternative Stadtkarte im Kopf. Welche Restaurants sind zugänglich, welche nicht? Welche Theater und Kinos kann ich besuchen, welche nicht? Selbst hier zu Hause werde ich manchmal überrascht und muss flexibel sein und umplanen. Im Urlaub wird das Ganze etwas komplizierter, und die Vorstellung, dass jede Destination, die für Menschen ohne Behinderung ideal ist, auch für uns geeignet ist, entspricht nicht immer der Realität. Daher besuche ich einige Feriendestinationen öfter, zum einen, weil sie wunderschön sind, und zum anderen, weil es mir ermöglicht, meinen Unterstützungsbedarf zu reduzieren. Natürlich ist es unfair, dass viele Orte aufgrund mangelnder Zugänglichkeit eingeschränkt sind. Manche Menschen könnten argumentieren: „Du solltest froh sein, wenn du aus einem ‚Entwicklungsland‘ kommen würdest, könntest du gar nicht in den Urlaub fahren.“ Doch Menschen mit Behinderungen sollten nicht ihre Möglichkeiten mit denen in „Entwicklungsländern“ vergleichen müssen, um auf Ungleichheiten aufmerksam zu machen.

Ich habe noch nie jemanden ohne Behinderung gehört, der argumentiert hat, dass Strassen in der Schweiz erst saniert werden müssen, wenn sie die Qualität von Strassen in Bangladesh erreicht haben. Meine bevorzugte Destination ist Wien. Vermutlich liegt dies auch an meinem teilweise österreichischen und ungarischen Hintergrund, aber objektiv betrachtet ist die Stadt ein Traum. Letzten Februar war ich mit Freunden aus Zürich in Wien. Schon die Zugreise mit dem ÖBB-Railjet war unkompliziert. Der Rollstuhlplatz im Railjet kann online gebucht werden, die Toiletten sind barrierefrei und geräumig, und das Restaurantpersonal bedient die Gäste am Platz. In Wien kann man problemlos die barrierefreie U-Bahn zum Stadtzentrum nehmen, und schon ist man mittendrin beim Stephansdom. Die Architektur in Wien ist atemberaubend und historisch aufgeladen. In der Schweiz hätte der Denkmalschutz wahrscheinlich dafür gesorgt, dass Menschen mit Behinderungen oft nur den Hintereingang nutzen dürfen. Manche Gebäude in Wien sind für Menschen mit Behinderungen ebenfalls schwer oder gar nicht zugänglich. Allerdings fällt mir auf, dass meine Trefferquote an zugänglichen Gastronomiebetrieben grösser ist. Manchmal gibt es zumindest eine Rampe. Als grosser Wien-Fan liebe ich es sehr, dort zu sein.

Vor kurzem besuchte ich einen Ball des Personalverbandes der Uno-Atomenergiebehörde in der Wiener Hofburg – ein unerwartetes Erlebnis für mich. Die Hofburg wurde als barrierefrei zertifiziert, und an diesem Abend konnten wir ohne Probleme dorthin gelangen. In Wien fielen mir auch viele Leitlinien für blinde und sehbehinderte Personen auf – etwas, was in der Schweiz seltener zu finden ist. Wien soll Standort der grössten oder ältesten Blindenschule im deutschsprachigen Raum sein. Die Schweiz könnte von Wien lernen – besonders im Bereich der Barrierefreiheit. Es wäre gut, zu erkennen, dass Gebäude nicht nur für Menschen ohne Einschränkungen gebaut werden sollten. Es wäre an der Zeit für die Schweiz, zwischen Dekadenz und Inklusion eine gute Balance zu finden.

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